"Weißkittelsyndrom" - Angst vor dem Arztbesuch

Angst hat viele Gesichter. Wovor fürchten Sie sich? Flug- oder Platzangst sind bekannte Ausprägungsformen, auch die Furcht vor bestimmten Tieren wie Spinnen, Mäusen oder Schlangen wird Ihnen vielleicht nicht fremd sein. In früherer Zeit waren Ängste eine Art Lebensversicherung, um potenziellen Gefahren aus dem Weg zu gehen oder vor ihnen zu flüchten.
Doch auch wenn für die Betroffenen der "Iatrophobie", der Angst vor dem Arzt, scheinbar eine Gefahrensituation vorliegt, ist vielmehr ihre Vermeidungsstrategie bedenklich. Diese kann so weit gehen, dass die Betroffenen lieber Krankheiten in Kauf nehmen, als sich von einem Mediziner behandeln zu lassen. Übelkeit, Herzrasen und erhöhter Blutdruck sind keine Seltenheit, wenn die doch einmal eine Praxis oder ein Krankenhaus aufsuchen.
"Weißkittelsyndrom" nennt man dies umgangssprachlich; rund zwei Millionen Menschen leiden darunter hierzulande in einer mehr oder weniger starken Form. Bekommen auch Sie allein beim Gedanken an einen Arzttermin schweißnasse Hände oder verschieben Sie eine notwendige Untersuchung, obwohl Sie es insgeheim besser wissen? Stellen Sie sich Ihrer Gesundheit zuliebe Ihren Ängsten.

Wie genau sich das Grausen vor dem Arztbesuch entwickelt, ist von Patient zu Patient unterschiedlich. Schlechte Erfahrungen in der Vergangenheit, wenn beispielsweise durch Operationen oder Untersuchungen Schmerzen verursacht wurden, die Angst vor Spritzen oder Blut sowie Panik vor einer schlimmen Diagnose sind es unter anderem, welche die Betroffenen Arzttermine vor sich herschieben lassen. Wirklich gefährlich wird es, wenn gesundheitliche Probleme auftreten, die dringend einer Behandlung bedürfen. Viele Patienten mit Iatrophobie schrecken jedoch selbst dann noch vor dem Gang zum Doktor zurück und unterdrücken ihre Beschwerden mit freiverkäuflichen Medikamenten oder Schmerztabletten. Dies kann schwere Gesundheitsschäden durch einen unsachgemäßen Medikamentenkonsum und die nicht erfolgte medizinische Behandlung nach sich ziehen. Überwinden sich die Patienten doch, ihren Hausarzt aufzusuchen, bagatellisieren sie ihre tatsächlichen Beschwerden häufig, um einer Behandlung zu entgehen. Dies erschwert die Diagnose. Auch die so genannte "Weißkittelhypertonie", bei der Patienten in der Praxis einen deutlich höheren Blutdruck als bei einer Messung zu Hause aufweisen, kann zu fehlerhaften Ergebnissen führen.

Das Weißkittelsyndrom kann die Betroffenen in ihrer Lebensführung mitunter stark einschränken. Routineuntersuchungen werden zum Spießrutenlauf und bei einer Erkrankung leiden sie unverhältnismäßig lange und stark, weil sie sich nicht helfen lassen. Sind auch Sie von der Angst vorm Arzt betroffen, sollten Sie deshalb unbedingt Maßnahmen ergreifen, um diese zu überwinden. Die richtige Methode dafür hängt sowohl von Ihrer Persönlichkeit als auch der Intensität Ihrer Angst ab.

Trauen Sie sich zum Arzt aber fühlen sich dabei sehr unwohl, bitten Sie einen lieben Menschen aus Ihrem Umfeld, Sie zu begleiten. Die Vertrauensperson sollte Sie unterstützen, Ihnen Sicherheit bieten und Sie von Ihren Bedenken ablenken. Auch die Anwendung von zuvor erlernten Entspannungstechniken kann hilfreich sein, um mit der Anspannung im Wartezimmer umzugehen.

Bereits im Vorfeld sollten Sie sich fragen: Wovor genau habe ich Angst? Ist es die Gesamtsituation oder betrifft es vielleicht sogar nur bestimmte Aspekte der Untersuchung? Sprechen Sie bei Ihrem Besuch in der Praxis offen mit dem medizinischen Personal. Die Schwestern und Ärzte sind im Umgang mit Angstpatienten geübt und können viel dazu beitragen, dass Ihnen dieser Gang leichter fällt. Auch um verfälschte Diagnosen durch die Symptome der Furcht auszuschließen, sollten Sie unbedingt ehrlich sein. Lassen Sie sich während der Behandlung alle Schritte erklären und bitten Sie um eine einfache Formulierung, sollten Sie eine Diagnose nicht verstanden haben. Manchmal klingen Untersuchungsergebnisse in der Fachsprache schlimmer, als sie in Wirklichkeit sind.

Auf keinen Fall sollten Sie nach bestimmten Krankheitssymptomen im Internet suchen oder in Foren zur Diskussion stellen. Es besteht die Gefahr, dass Sie durch fehlerhafte Informationen zusätzlich verunsichert werden und eine noch größere Hemmung vor dem Arztbesuch entwickeln. Auch sind andere User in den seltensten Fällen Experten und manche Symptome treten bei vielen verschiedenen Erkrankungen gleichermaßen auf. Die Schilderungen von gesundheitlichen Problemen ersetzt also auf keinen Fall eine medizinische Untersuchung.

Ist die Angst vorm Arzt besonders schwerwiegend und führt für Sie kein Weg an Ihrer Furcht vorbei, kann unter Umständen eine Verhaltenstherapie helfen.